2017

Posted on by

 

Jude Griebel: Arms, Eyes, Detritus
14. September bis 26. Oktober 2017

Griebel_Modern Grotesque 2
Modern Grotesque 2, 2017

Mit seinem neuen Werk setzt Jude Griebel seine Prüfung unserer zweideutigen Beziehung zu materiellen und natürlichen Welten fort. Die Arbeit an Arms, Eyes, Detritus (Arme, Augen, Schutt) wird auf Regalen ausgestellt, die die Sammlung als anthropologische Artefakte positioniert, wodurch sowohl die Absurditäten als auch die Sorgen des 21. Jahrhunderts enthüllt werden.

Jude Griebel wuchs in der offenen Landschaft der kanadischen Prärie auf. Das ist ein Ort, an dem es leicht fällt, sich vorzustellen, dass die Natur dominant ist, eine Umgebung, in der Menschen heroische Kämpfe ausgestanden haben, um die Natur zu zähmen und in einen bewohnbaren Raum umzugestalten. Auch der blaue Himmel und die sanften Wellen des Getreides können nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies eine von Menschen erschaffene, künstliche Welt ist, gentechnisch manipuliert, besprüht mit Giften gegen Unkraut, Käfer und Krankheiten. Die Ruinen von ehemaligen Familienhöfen spicken die Landschaft: Scheunen, die einst Tiere und Getreide beherbergten, Zäune, verlassene Windmühlen, die sich in der Sommerhitze immer noch drehen, wurden alle durch die industrielle Landwirtschaft ersetzt. Im Barn Skull (Scheunenschädel) RR4 und Barn Skull (Scheunenschädel) RR5 (RR ist eine Landstraße in Kanada) interpretiert Griebel die ländliche Ruine als biologische Überreste und beschwört so durch die hohl starrende Scheune einen menschlichen Verlust.

Durch die Verkörperung der Umweltzerstörung und die Darstellung von romantisierten Ruinen in der Form von menschlichen Körpern lädt uns Griebel zu einer merkwürdigen Konfrontation mit unserem Platz in der Landschaft ein, den wir bewohnen und für uns erschaffen. Thinning Glacier (Der Gletscherabbau) torkelt vorwärts mit der Verwirrung und dem Pathos von Frankensteins Monster, mit einem Körper, der schmilzt und weint, monströs und erbärmlich. In Drag and Stretched Thin (Ziehen und dünn gestreckt) schaffen Emissionen von Düsenjets und Lastwagen eine gestreckte Figur aus einer grauen Wolke; gleichzeitig strecken und ziehen sie ihre fragile und gesichtslose Kreatur in Richtung einer gewissen Zerstörung. Griebel nutzt Diorama-Techniken, um in einer miniaturisierten menschlichen Welt kolossale Figuren zu schaffen. Gleichzeitig eindringlich und ätherisch gibt die wacklige Balance die Unsicherheit einer Gesellschaft wieder, die eine Realität geschaffen hat, die sie sowohl begehrt als auch fürchtet.

Wenn er die Barrieren zwischen uns und dem Schutt unserer materiellen Welt und unserer anthropologischen Vergangenheit aufhebt, entwickeln sich groteske Figuren. In der Serie Modern Grotesques wählt Griebel unverwechselbare Ikonen unserer Unternehmenswelt: McDonald´s, Evian, Coke, Starbucks und die allgegenwärtigen Plastik-Strohhalme und Besteck, mit dem unsere Einwegkultur genährt wird. Die Grimacing Heads (Grimassenköpfe), Ruinen aus der Antike mit geflochtenen Zöpfen, erinnern an die italienische Garten-Statuen aus der Renaissance von Bomaro und Giardino Giusti in Verona; diese zeitgenössischen Chimären prallen aus der Vergangenheit auf die Gegenwart, mit entmutigenden Ergebnissen.

Hier gibt es eine Verspieltheit, die mit der Schwere des Themas in krassem Gegensatz steht. Im Wreck (Wrack) springt ein spielzeugähnlichen Segelboot über bonbonfarbene Wellen in Richtung einer kleinen Insel; unter den Wellen dringt jedoch eine unheimlichere Wirklichkeit an die Oberfläche. Arms, Eyes, Detritus (Arme, Augen, Schutt) fordert uns heraus, darüber nachzudenken, wo unser Platz in dieser Geschichte ist und zu akzeptieren, dass die Linie möglicherweise nicht so klar ist, wie wir hoffen.

Anne Pratt

 

 
Benjamin Moravec
29. Juni bis 13. August 2017

Moravec_kl_600
„sans titre“, 2017

Theatralisch, beinahe surreal, immer konstruiert und bühnenartig bewegen sich die Gemälde von Benjamin Moravec am schmalen Grat zwischen Realität und Virtualität.
Düstere, unheimliche Räume beherbergen auf einem staffeleiähnlichen Konstrukt ein „Bild im Bild“, auf dem eine strahlende, fast romantische Landschaft erscheint; in verwirrend faszinierenden Tableaus überlagern sich seltsame Raumgebilde mit dem Bild einer menschlichen Figur; Landschaftsdarstellungen werden durchbrochen von irritierenden Bildflächen. Moravec geht es dabei stets um „Wirkung von Bildern auf unsere Wahrnehmung von Realität“ und um die Untersuchung, wie Menschen mit der heutigen Masse an Bildern fertig werden.

 

 
Jochen Pankrath: Neue Töne
27. April bis 12. Juni 2017

bodypaintingIII_600
Bodypainting III, 2017

Neue Töne klingen an in Jochen Pankraths Malerei. In den letzten Jahren mit zahlreichen Förderpreisen ausgezeichnet, erweitert der Künstler mit der Ausstellung in der Galerie Sturm seine Farbpalette. Intensives Gelb, leuchtendes Blau oder ein nuancenreiches Weiß verleihen den Bildern eine gesteigerte farbliche Präsenz. Gleichzeitig wird die Farbe als Basis der Malerei zum eigentlichen Thema der Arbeiten. Obwohl Jochen Pankrath die traditionellen Themen der Kunstgeschichte, Figur und Stillleben, bedient, führt er vor Augen, dass sämtliche figurative Malerei – ebenso wie die abstrakte Malerei – letztlich aus Farbe besteht. Seine Bilder legen offen, dass das Gemalte eben nicht real ist, sondern Ideen des Malers zeigt, die im Zusammenspiel mit der Farbe eine Wirklichkeit generieren, die nur auf der Leinwand existent ist.

In traumhaft surrealen Szenarien fertigt Jochen Pankrath Denkbilder, die unseren Umgang mit der aus Farbe erschaffenen Bildrealität hinterfragen. Wie die Arbeit „Standbein-Spielbein“, in der das Modell sich in einem Prozess der Metamorphose befindet – der Betrachter kann hier dem Akt der Bildentstehung beiwohnen. Man fühlt sich an René Magritte und seine Arbeit „Ceci n’est pas une pipe“ (Dies ist keine Pfeife) erinnert, in welcher es ebenfalls um die Frage geht, was sich eigentlich auf dem Bild befindet. Denn es ist keine Pfeife, es ist lediglich ein Abbild und, wenn wir ganz ehrlich sind, Farbe auf einer Leinwand.

So hält auch Jochen Pankrath fest, was René Magritte, der große Philosoph unter den Surrealisten, einst den „inspirierten Moment“ nannte. Dieser inspirierte Moment visualisiert das, was sich hinter den Dingen verbirgt, im Bild. Er ist der Versuch, den Betrachter zu einem neuen, zu einem anderen Nachdenken über die Welt anzuregen, seine Perspektive zu verschieben und ihn dadurch zu neuen Erkenntnissen über scheinbar Selbstverständliches anzuregen. Entsprechend konstatiert auch Johannes Hüppi in Bezug auf Pankraths Bilder: „So einfach ist das manchmal. Man malt, was man sieht und verschiebt ein wenig die Realität, rückt sie ins Traumhafte, ins Glaubhafte, um mehr vom Leben zu verstehen.“

Anne Simone Krüger, Kunsthistorikerin M.A., Hamburg

 

 
Jasmin Schmidt: Rätsel der Arena
9. März bis 13. April 2017

jasmin_titelbild
Guirlande d`amour, 2017

Baumschlangengrün, Indischgelb, Feuerrot, und Ultramarinblau – die neuen Arbeiten von Jasmin Schmidt bestechen durch ihr intensives Kolorit. Tritt man den großformatigen Werken gegenüber, so taucht man ein in eine Welt, welche sich aus unzähligen Farb-Nuancen zusammensetzt. Strukturiert werden die Bilder durch Muster. Wie feine Wegenetze auf einer Landkarte ziehen sie sich in mehreren Schichten über die Bildoberfläche. Durch ihre Überlagerungen und die gegenläufigen Verschiebungen kreieren sie ein äußerst eigenwilliges Raumgefüge, dessen Tiefe und Ausmaße nur schwer optisch zu erfassen sind. Ähnlich wie Barnett Newmans Farbfeld-Malereien fordern sie den Betrachter auf sich im Bildraum zu verlieren. Anders als bei Newmans nur aus Farbe bestehender Malerei, beginnt hier unser auf Muster ausgerichtetes Denken jedoch unmittelbar damit, die Strukturen zu ordnen und nach Assoziationen zu suchen. Woher kommen uns die Wabenmuster bekannt vor? Und wo haben wir die verzogenen Rauten schon einmal gesehen?

Die Grundlage für die ‚Cover’ Gruppe ist eine Jugendbuchreihe aus den 1970er Jahren, deren Umschlaggestaltung durch ihre ungewöhnliche Struktur auffällt. Die Künstlerin hat die Form- und Farbelemente aufgegriffen und frei übersetzt – entstanden sind Bilder, die durch eine ungewöhnliche Mischung aus spannungsreicher Dynamik und geometrischer Harmonie auffallen und die unter anderem an die Gestaltung von Spielbrettern erinnern. Waben, Rauten, sternförmige Anordnungen begleiten auch uns als Betrachter seit der frühesten Kindheit. Bereits Friedrich Schiller thematisiert die Wichtigkeit des Spiels für den Menschen. Und der Kulturantrophologe Johan Huizinga geht davon aus, dass sich aus der Freude am reinen Tun, das sich selbst belohnt und keiner Außenbestätigung bedarf, die menschlichen Fähigkeiten erst entfalten und kulturelle Schöpfungen wie die Kunst entstehen. So können Jasmin Schmidts Arbeiten nicht zuletzt als Hommage an das kreative Potential des Menschen gelesen werden.

Diese Reminiszenz zeigt sich auch im Titel, jedoch auf zweideutige Weise. Das „Rätsel der Arena“ bildet eine Metapher für die Entstehung der Arbeiten. Denn zum einen beschreibt die Künstlerin, dass die Kunst für sie ein Spielplatz ist, auf welchem die Bilder „in einem Spannungsfeld von Entdeckungen, Konkretem, Assoziativem und auf den Wegen, die die unterschiedlichen Kombinationen daraus bereithalten“ entstehen. Andererseits kann man das Atelier als Arena betrachten, in der die stetige Auseinandersetzung um die Formfindung ausgetragen wird. Das Rätsel der Arena, den intuitiven Moment der Inspiration, werden weder die Künstlerin selbst noch wir als Betrachter je lösen können – doch zeigen die Arbeiten, wenn wir sie mit spielerischer Neugier betrachten, dass wir auf der richtigen Spur sind.

Anne Simone Krüger, Kunsthistorikerin M.A., Hamburg

 

 
Virtual Art Experience
28. Januar 2017
12 bis 18 Uhr
Cafe Herrlich, Nonnengasse 12-14, 90402 Nürnberg

vae_web